Freitag, 23. Dezember 2011

Meine Weihnachtsgeschichte

Meine Weihnachtsgeschichte, als für mich, aus besonderem Anlass, der Heilige Abend vorverlegt wurde.

Der vorverlegte Heilige Abend

Es ist Advent. In dieser besinnlichen Zeit lasse ich den Tag gerne ruhig und besinnlich ausklingen.
Ich sitze hier vor meinem PC und schreibe, der Schein der Kerzen und das vorweihnachtlich geschmückte Zimmer verbreiten einen geheimnisvollen Zauber, ganz leise schleicht die Erinnerung in mein Gemütund meine Gedanken schweifen ab zu jenen die das kommende Fest nur noch in meinem Herzen mitfeiern können: meine Mutter, mein Vater; meine kleinen Töchter Melanie und Jasmin, meine Großmutter, werden sie jetzt irgendwo auf einer Wolke sitzen und zusammen auf uns herabschauen? Werden sie sich mit mir über dieses Weihnachtsfest freuen? Wer weiß?
In meinen Gedanken höre ich ihr Lachen und fühle, dass sie doch immer bei mir sind, nur anders eben,
Mit ihrem Lachen kommt die Erinnerung an dieses besondere Weihnachtsfest…

Ich war neun Jahre alt, als mein Vater im Sommer starb. Da war kein fröhliches Singen und Musizieren mehr im Haus, sein lachen und seine Lebensfreude fehlten mir sehr; überall standen die Schatten der Trauer und des Verlustes.
Es wurde Herbst, und dann stand die Adventszeit vor der Tür. Jedoch, es war anders als sonst die Jahre, etwas fehlte. Aber ich war ein Kind, und mit der Zeit zog die Erwartung auf das kommende Weihnachtsfest in mein Gemüt. Was würde es mir bringen? Ich hatte mir so sehr eine sprechende Puppe gewünscht, doch meine Mutter hatte nicht viel Geld und so begrub ich meinen stillen Wunsch. Wie jedes Jahr verschwanden auch diesmal auf geheimnisvolle Weise mein Puppenwagen, meine gute alte Puppe Liesel und mein Fritzchen. In meinem Zimmer, ich schlief bei meiner Mutter im leeren Bett meines Vaters, herrschte ein geheimnisvolles Treiben. Langsam fing ich an mich auf Weihnachten zu freuen: Was würden meine Puppenkinder diesmal für schöne neue Kleider bekommen? Ob mein Puppenwagen auch wieder eine Ausfahrgarnitur bekommt? Dies waren meine kleinen, oder vielmehr es waren meine großen Sorgen in dieser Adventszeit. Den Wunsch nach einer sprechenden Puppe hatte ich fast vergessen.
Dann ging alles sehr schnell; wir schreiben den 23. Dezember, die Nacht vor dem Heiligen Abend. Wie heißt es doch in einem Weihnachtsgedicht von Robert Reinike: „ In der Nacht vor dem Heiligen Abend, da liegen die Kinder im Traum, sie träumen von schönen Sachen und von dem Weihnachtsbaum.“ Oh wie wahr, meine Mutter schickte mich an diesem Abend besonders früh in`s Bett. Da lag ich nun mit bangen Herzen und überlegte, was mir den Morgen das Christkind bringen mochte. Ich wurde immer trauriger, ob es ohne meinen Vater eine weihnachtliche Bescherung geben würde; hatte jemand dem Christkind überhaupt gesagt, dass es mir etwas bringen soll? Diese Gedanken gingen durch meinen kleinen Kopf.
Doch plötzlich, was war das? Aus meinem Zimmer kamen geheimnisvolle Stimmen und Geräusche. Mir wurde ganz kribbelig zumute, ich hielt es vor Neugierde nicht mehr im Bett aus. Leise schlich ich mich vor meine Zimmertür und schaute durchs Schlüsselloch, ob ich von dem, was da vor sich ging, etwas erkennen konnte. Das Schlüsselloch hatte meine Mutter, wie sonst üblich, vergessen zuzuhängen. So konnte ich in einen kleinen Winkel meines Zimmers sehen. Und was sah ich? Ich glaubte zu träumen, kaum wagte ich zu atmen: in meinem Puppenwagen saß eine fremde, neue Puppe. Was hatte das zu bedeuten? Leise und voller Glück schlich ich zurück in mein Bett.
Da bekam ich plötzlich Angst. Was war, wenn das Christkind mich gesehen hatte, als ich durchs Schlüsselloch schaute? Würde es mir die schöne Puppe wieder wegnehmen, meinen Puppenwagen, würde ich meine anderen Puppen überhaupt wiederbekommen? Meine Angst wurde immer größer, schließlich fing ich an zu weinen. Es kam alles zusammen, meine Angst, dass das Christkind mich gesehen haben könnte, die Trauer um meinen Vater; ich fühlte mich so klein und so alleingelassen, dass mein Weinen immer heftiger und lauter wurde.
Dies hatte meine Mutter gehört, sie kam angerannt und fragte mich voller Sorge, ob mir etwas fehle, ob ich Schmerzen hätte. Ich verneinte, und unter Tränen gestand ich ihr meine Verzweiflung über meine Missetat, dass ich vor lauter Neugierde durchs Schlüsselloch meiner Zimmertür geschaut hatte, dort eine fremde Puppe gesehen hatte und jetzt vor lauter Angst, alles würde wieder vom Christkind geholt, weinen müsste. Meine Mutter lächelte, als sie meine Beichte hörte! Ganz zärtlich nahm sie mich in ihre Arme und ihre Hand strich tröstend durch mein Haar. Als ich mich wieder beruhigt hatte, stand sie auf und machte mir ein Zeichen da? Sie gleich wieder käme; ich sollte ganz ruhig sein. Und dann stand sie vor meinem Bett, sie hielt eine wunderschöne Puppe im Arm. Als sie an einem kleinen Ring am Rücken der Puppe zog sagte diese:“ Komm, spiel mit mir“. Ich sah meine Mutter an, sah die Puppe an, ich lachte und weinte in einem. In mir war ein Gefühl, als müsste ich zerspringen.
Meine Mutter legte mir die Puppe in den Arm und sagte, dies sei ein Weihnachtsgeschenk von meinem Vater, er habe es dem Christkind persönlich mitgegeben. Aus diesem besonderen Anlass dürfte ich die Puppe jetzt schon behalten und müsstet nicht bis morgen warten.
Wie war ich selig, vorsichtig, um meine schöne neue Puppe nicht kaputt zu machen, kuschelte ich mich in meine Kissen und Decken und schlief glücklich ein. Am anderen Morgen traute ich mich kaum, die Augen zu öffnen, aus Angst, alles nur geträumt zu haben. Oh nein es war kein Traum, neben mir lag sie, die neue Puppe, und sie konnte sprechen. Ja, dies konnte nur ein Geschenk von meinem Vater sein, denn wer sonst als er hätte mir den Wunsch erfüllen können. Plötzlich fehlte er mir nicht mehr so sehr, nun brauchte ich nicht mehr so traurig zu sein. Wenn er dem Christkind schon meinen größten Weihnachtswunsch mitteilen konnte, dann war er auch so bei uns, einfach bei uns. Wir konnten ihn nur nicht sehen und hören. Aber ich, ich konnte mit ihm reden, konnte ihm meine Sorgen, meine Ängste mitteilen, er würde immer da sein.

Ja, so war das damals in jenem Jahr, als mein Vater starb. Auch heute, nach so vielen Jahren, ist die Erinnerung an diesen besonderen vorverlegten Heiligen Abend, noch immer präsent. Mittlerweile sind schon viele Weihnachtsfeste vergangen schöne und traurige, und noch einmal spüre ich einen kleinen Hauch von Wehmut in mir, in Erinnerung an dieses traurig-schöne Weihnachtsfest, damals vor langer Zeit. 

Aber keines mehr hatte jenen besonderen Zauber wie dieses Weihnachtsfest, an dem aus besonderem Anlass der Heilige Abend für mich um einen Tag vorverlegt wurde.
(c)Hannah Oeder